Vollgeldtheorie (VT) und Modern Money Theorie (MMT) – eng verwandt?  

Das Vollgeldkonzept zusammen mit der zugrunde liegenden Geldsystemanalyse werden häufig als Vollgeldtheorie angesprochen. Manche Leute unterstellen, Vollgeld­theorie (im folgenden VT) und Modern Money Theorie (MMT) seien eng verwandt. Das ist ein Irrtum. Allenfalls sind sie ferne und einander fremde Verwandte.

Beide Richtungen könnten als Varianten des Chartalismus aufgefasst werden, ein Begriff, der von G.Fr. Knapp geprägt wurde. Demnach ist Geld ein Geschöpf der staatlichen Rechtsordnung, es beruht nicht auf privatvertraglicher Übereinkunft. Ein Nationalstaat definiert seine Währung (als monetäre Recheneinheit), während die allgemeine Akzeptanz der Zahlungsmittel (der Gelder) die auf diese Währung lauten, davon abhänge, dass die Finanzbehörden und Gerichte das betreffende Geld für Steuer- und Strafzahlungen annehmen und es also selbst benutzen.

Knapp wählte als Titel seines Werks von 1905 Staatliche Theorie des Geldes, wohlgemerkt nicht Theorie staatlichen Geldes. Es handelt sich tatsächlich nur um die Hypothese, dass die allgemeine Gültigkeit eines Zahlungsmittels – gleich von wem herausgegeben, sei es vom Finanzministerium, der staatlichen Zentralbank, privaten Banken, anderen Finanzinstituten oder anderweitig – damit steht und fällt, dass die Behörden das betreffende Geld faktisch billigen, auch dann, wenn es sich nicht um gesetzliche Zahlungsmittel handelt, sondern um privat geschaffenes Geld wie heute das Giralgeld der Banken. Von der in Europa vorherrschenden Rechtsmeinung und Verwaltungs­praxis wird das private Giralgeld der Banken mit dem staatlichen Bargeld der nationalen Zentralbanken gleichgestellt. Damit fügt sich selbst noch das heutige Giralgeld­regime der Banken in einen Rahmen chartaler Geldordnung – und das ist der Standpunkt, der auch von der MMT bzgl der Vereinigten Staaten vertreten wird.

Im Unterschied, ja Gegensatz dazu beruht eine chartale Geldordnung im Verständnis der Vollgeldtheorie auf den monetären Prärogativen eines souveränen Staates (oder einer Gemeinschaft von Staaten, die ihre Hoheitsrechte teils an die Gemeinschaft übertragen). Die monetären Prärogativen liegen der staatlichen Geldhoheit zugrunde. Das beinhaltet, erstens, die Währung als monetäre Recheneinheit festzulegen, zweitens, die gesetzlichen Zahlungsmittel (das Geld) in dieser Währung herauszugeben und drittens, den daraus sich ergebenden Geldschöpfungsgewinn (die Seigniorage) den öffentlichen Kassen zuzuführen. Die monetären Prärogativen sind von konstitutioneller Bedeutung, vergleichbar den staatlichen Monopolen der Gesetzgebung, der Rechtsprechung, der öffentlichen Verwaltung (der Exekutive), der Besteuerung und der Anwendung polizeilicher und militärischer Gewalt. Die staatliche Geldhoheit schließt die Nutzung privater Zahlungsmittel nicht aus, vorausgesetzt diese lauten nicht auf die nationale Währung, werden von der Zentralbank nicht gestützt, von der Regierung nicht gewährleistet, und für Steuerzahlungen und andere Zahlungen an Behörden nicht angenommen.

Daran wird deutlich, dass VT und MMT einem gegensätzlichen Verständnis von chartaler Geldordnung folgen. Kristallisationspunkt des Gegensatzes ist das bestehende Giralgeldregime der Banken auf einer minimalen Basis an Zentralbankgeld – die MMT hält es für eine fabelhafte Kredit- und Schuldenmaschine, die VT sieht darin ein illegitimes Geldprivileg und eine grundlegende Ursache finanzieller Instabilität und Krisenneigung. Die MMT entpuppt sich in dieser Hinsicht als Verfechter eines Banking-School Standpunkts, die VT als Erneuerung der Currency School auf der Höhe der Zeit. Neue Zahlungsmittel wie Geldmarktfondsanteile und privates Kryptogeld könnten den Gegensatz weiter vertiefen.

Ähnliche Gegensätze gibt es noch in manch anderer Hinsicht, zum Beispiel in der Frage, wer das bestehende Geldsystem dominiert. Zunächst vertritt die MMT ausdrücklich die Meinung, dass es die Banken sind, nicht die Zentralbank, die das Geldsystem proaktiv bestimmen, insbesondere, wieviel Geld – Giralgeld, d.h. Bankengeld – wofür bzw für wen erzeugt wird. Damit wird auch die jederzeitige fraktionale Refinanzierung der Banken durch die Zentralbank vorbestimmt, einschließlich eines ggf nötig werdenden Quantitative Easing für den Bankensektor und die Finanzwirtschaft.  

Die VT beinhaltet diesen Standpunkt in noch deutlicherer Weise, indem sie das bestehende System als privates und kommerzielles Giralgeldregime der Banken darlegt, dessen Bestand von den staatlichen Zentralbanken jederzeit gestützt und von den Regierungen sehr weitgehend garantiert wird. Die Basis an Zentralbankgeld, welche die Banken heute benötigen, liegt inzwischen bei nur noch 1–2,5% des Giralgelds, wobei das Bargeld langsam aber sicher im Verschwinden begriffen ist, um das Feld dem Bankengeld allein zu überlassen. Als Folge davon sind die konventionellen Instrumente der Geldpolitik, besonders Basiszinspolitik, weitgehend unwirksam geworden. Die Zentralbanken sind damit in die Rolle reaktiver Sachzwangvollstrecker des Giralgeldsystems geraten, das sie doch unter Kontrolle haben sollten.

Die MMT dagegen sieht keine derartigen Führungs- und Kontrollprobleme (in gewissem Widerspruch zu ihrer Meinung, die geldpolitische Systemführung liege bei den Banken). Anders als die VT, die politisch ein chartales Vollgeldsystem anstrebt, sieht die MMT ein solches im bestehenden Giralgeldregime bereits verwirklicht. Was wir haben, sei ein 'sovereign currency system' als eine Art öffentlich-privater Geldpartnerschaft unter vermeintlicher Zentralbank- und Regierungskontrolle. Ähnlich wie heute auch viele Ökonomen und Zentralbanker, anerkennt die MMT die proaktive Rolle der Banken bei der Geldschöpfung, sieht auch die wechselseitige Abhängigkeit von Banken und Zentralbank, verweigert aber jede Einsicht in den Verlust der Zentralbanken-Systemführung.

Stattdessen hält die MMT die Kontrollillusion von Zentralbank und Regierung aufrecht und ist immer mehr dazu übergegangen, die Rolle des Bankensektors in den Hintergrund zu schieben, also zu dethematisie­ren. Der Fokus hat sich ganz auf das verschoben, was die MMT als Geldschöpfung durch 'die Regierung' ansieht in Form einer Tandem-artigen Kooperation zwischen dem U.S. Treasury (das Staatsanleihen herausgibt) und the Federal Reserve (welche diese regelmäßig am offenen Markt aufkauft und damit die Staatsschuld monetisiert). Zweifellos existiert in gewissem Ausmaß diese Praktik, die als Direktaufkauf verboten, aber als Offenmarktpolitik erlaubt ist. Anscheinend macht man davon in den USA vergleichsweise umfangreicher als anderswo Gebrauch. Aber die MMT-Darlegung der Sache läuft darauf hinaus, den deutlich kleineren Teil der Geldschöpfung (durch Washington's Staatsschulden) als das viel größere Gesamtbild hinzustellen (das von Wall Street – der Banken- und Finanzindustrie – dominiert wird; einschließlich deren 'Vorfinanzierung' der Staatsanleihen).

Selbst nach 2007/08 hat es in der MMT kaum Beachtung gefunden, dass seit den 1970/80er Jahren der Löwenanteil neu geschaffenen Geldes nicht in die Realwirtschaft geflossen ist, sondern in die nicht-BIP-wirksamen Bereiche der Finanzwirtschaft. Das trug massiv dazu bei, die Inflation durch Assetinflation und Blasenbildung zu ersetzen und führte zu erhöhter Finanz-Instabilität und einer Verteilungsdrift zugunsten der Finanzeinkommen zulasten des Anteils der Arbeitseinkommen. Es ist schon merkwürdig, dass diese Dinge in der MMT keine systematische Rolle spielen, wo diese sich selbst doch als politisch links ausgibt.

In den Jahren nach Eintreten der Krise in 2007/08 fing die MMT an, sich auf Minskys Finanz-Instabilitätstheorie zu beziehen. Diese beschreibt eine Verhaltenszyklik zwischen stabilitätsbedachter Risikoaversion und Instabilität erzeugender, spekulativ überschäumender Risikoblindheit. Dagegen ist nichts zu sagen, sowenig wie gegen Shillers systemdynamischen Ansatz der 'irrational exuberance'. In ähnlicher Weise hat auch die Basel Bank für internationalen Zahlungs­ausgleich die Existenz von Finanz­zyklen belegt, teils losgelöst von realwirtschaftlichen Konjunktur- und Industriezyklen. In jedem dieser Ansätze wird eine anhaltend überproportionale Kredit- und Schuldenausweitung als Krisenindikator festgestellt.

Das ist bestimmt zutreffend, aber es fehlt etwas: das außer Kontrolle geratene Geldsystem. Dieses bleibt die verkannte Grundvoraussetzung und eine maßgebliche Ursache der finanzwirtschaftlichen Überschießensdynamik. Indem das Geld- und Bankensystem außen vor bleibt, reduzieren sich Marktdynamik und Boom-und-Bust-Zyklen allein auf menschliches Verhalten: Die eigentlich rationalen Marktteilnehmer spielen von Zeit zu Zeit verrückt. Nicht wenige Verantwortliche in der Finanzwelt haben sich die Minskytheorie zu eigen gemacht und geben ihr einen gleichsam naturgesetzlichen Charakter: die Märkte neigen nun einmal zu Übertreibung, da kann man nicht viel machen. Das ist zwar nicht beruhigend, aber es verdeckt die Ursachen und enthebt der Verantwortung.

Im Zusammenhang mit der Tandem-artigen Kooperation zwischen Treasury und Federal Reserve stützt sich die MMT auf ein übervereinfachtes Modell sektoraler Saldenmechanik – öffentlicher und privater Sektor, gelegentlich der auswärtige Sektor, als 'Rest der Welt' bezeichnet. Das ist hinreichend grob, um Zentralbank, Regierungskabinett, Finanzministerium und Parlament in einem schwarzen Loch namens 'öffentlicher Sektor' oder 'government' unterschiedslos verschwinden zu lassen. Ein Stück weit entspricht dem in Europa ein verbreiteter pauschaler Sprachgebrauch, vom 'Staat' zu sprechen. Eine irgendwie geartete Unterscheidung von Finanz- und Realwirtschaft kommt dabei ohnehin nicht vor. Für die MMT dient dies als Grundlage für das, was Wray 'creditary-fiscal synthesis' nennt, soll heißen, Zusammenführung monetärer und fiskalischer Funktionen. Die Frage, wer genau nach welchen Kriterien Geld schöpf bzw schöpfen soll, tritt dabei in den Hintergrund als wäre sie irrelevant. Zwischen den Zeilen, teils auch ausdrücklich, neigt die MMT dazu, fiskalischen Interessen Vorrang gegenüber monetären Kriterien einzuräumen, etwa dem beschwichtigend zugestandenen Inflationskriterium. Einige MMTer haben sich über den Begriff 'solide Finanzen', speziell 'solide öffentliche Finanzen', abfällig geäußert.

Demgegenüber gehört zu den Kernpunkten der VT die klare Gewaltenteilung zwischen den monetären Verantwortlichkeiten der Geldbehörde (in der Regel die Zentralbank) und den fiskalischen Verantwortlichkeiten des Parlaments und der Regierung, einschließlich des Finanzministeriums. Für die VT steht unzweideutig fest, dass geldpolitisch die staatliche Geldbehörde allein zuständig sein und das letzte Wort haben soll, unabhängig von Weisungen der Regierung. Natürlich muss das auf gesetzlicher Grund­lage mit genauerem geldpolitischem Mandat erfolgen (was heute noch nicht hinreich­end der Fall ist).

Darüber hinaus, so die VT, muss die Geldbehörde nicht nur unabhängig von Weisungen anderer Staatsorgane sein, sondern auch funktional unabhängig und neutral gegenüber den Partikularinteressen der Banken und der Finanzwirtschaft; also anders als im heutigen Giralgeldregime, das von einer engen Verflochtenheit und Interdependenz zwischen Banken und Zentralbanken geprägt ist – ein Sachverhalt, den die MMT nicht für problematisch hält und an dem sich erneut zeigt, dass sie eher für die Banking School als für Currencylehre steht.

Andererseits ist direkte monetäre Finanzierung von Staatsausgaben durch die Zentralbank für die MMT ausdrücklich erwünscht. Vertreter der VT dagegen sehen das kritisch. Zwar kann in einem Vollgeldsystem mit einer erheblich höheren Seigniorage als heute gerechnet werden. Seigniorage ist aber keine monetäre Staatsfinanzierung, auch wenn sie zu den Einnahmen des Staatshaushalts ebenso beiträgt wie Steuern. Einer monetären Staatsfinanzierung i.e.S. als Regelpraxis stimmen Vertreter der VT nicht zu, dafür aber durchaus unter bestimmten Ausnahmebedingungen wie einem deflationären Mangel an effektiver Nachfrage in einer schweren Krise oder in einem nationalen Notstand.

Zum Beispiel haben Vertreter der VT wie auch der MMT und manch andere Ökonomen bzgl der Krisenpolitik des zurückliegenden Jahrzehnts die Auferlegung von Austeritätsregimes als kontra-produktiv kritisiert. Sie haben sich stattdessen für die monetäre Finanzierung von Staatsausgaben zugunsten der Realwirtschaft ausgesprochen, etwa in Form von Heikoptergeld oder Quantitative Easing for people (statt nur QE for finance). Aber auch in diesem Zusammenhang traten gegensätzliche Auffassungen hervor, was mit dem Geld geschehen solle. Die MMT bevorzugt Beschäftigungs-Subventionen im Rahmen einer staatlichen Jobgarantie (was sich erfahrungsgemäß als wenig wirksame Arbeitgeber-Subventionierung erweist). Unterstützer der VT bevorzugen Einkommens­-Zuwendungen unabhängig von der Arbeit. Das würde dazu beitragen, die einseitige Abhängigkeit des herkömmlichen Sozialstaats von der Arbeit zu verringern.

Ein anderes Kernelement in MMTs idiosynkratischem Chartalismuskonzept besteht darin, die Finanzierung von Staatsausgaben durch Steuern zu bestreiten, um das genaue Gegenteil zu behaupten, also dass Steuerzahlungen durch Staatsausgaben finanziert würden. Auf Steuerzahlungen könne man eigentlich verzichten, wäre da nicht das Problem unerwünscht hoher Inflationsraten, wenn das Geld nicht durch Steuern wieder 'eingesammelt' würde. (Freilich bedeutet das ein Recycling des Geldes in die weitere allgemeine Zirkulation, was den Geldschöpfungs-Spielraum der Regierung erheblich einengt, sei es nun durch Schöpfung eigenen Geldes oder durch Auslösung von Banken- und Zentralbank-Geldschöpfung infolge einer Ausgabe von Staatsanleihen). Das ist denn doch eine recht mutwillig verkehrte Welt, zumal die staatliche Geldnachfrage zwar groß ist, aber viel kleiner als die Geldnachfrage der Finanzindustrie, realwirtschaftlicher Unternehmen und privater Haushalte.

Für die Vollgeldtheorie besteht kein Grund, die Finanzierung der öffentlichen Haushalte umzudeuten. Sie finanzieren sich durch Steuern, Abgaben und Gebühren, und durch Kreditaufnahme, wodurch die betreffenden öffentlichen Organe sich bei Gläubigern verschulden. In einem Vollgeldsystem könnte das zwar bis zu einem gewissen Grad anders sein, in den Grenzen, die sich durch Kriterien monetärer und finanzieller Stabilität ergeben. Der Grund dafür wäre, dass in einem Vollgeldsystem der größere Teil neuen Geldes als schuldenfreie originäre Seigniorage über Staatsausgaben oder Bürgerdividende in Umlauf gebracht werden kann. Das würde allerdings beinhalten, die Buchungs- und Bilanzierungspraxis bei der Geldbehörde dahingehend zu ändern, dass die Geldschöpfung vom herkömmlichen Zentralbankgeschäft formal getrennt wird (https://vollgeld.de/bilanzierung-von-vollgeld).

Im Unterschied dazu erzeugt monetäre Staatsfinanzierung gemäß MMT buchhalterisch-bilanziell eine Forderung der Zentralbank gegenüber dem Finanzministerium und eine Schuld des Finanzministeriums gegenüber der Zentralbank. (Davon abgesehen bleibt unbares 'Kredit- und Schuldengeld' stets eine Verbindlichkeit der ausstellenden Zentralbank bzw Bank). Im idiosynkratischen Chartalismus der MMT aber werden beide, Zentralbank und Finanzministerium, als Teil des 'government' und insofern als 'Einheit' angesehen. Daher seien solche Staatsschulden keine echten Schulden und müssten re-interpretiert werden, als eine 'spezielle' Verbindlichkeit die nichts kostet und niemals fällig wird. Keynes nannte das zero-coupon perpetual consol.

Eine Abstraktionsstufe weiter wird daraus das MMT-Postulat, öffentliche Schulden in nationaler Währung seien (anders als private Schulden) kein Problem, denn ein souveräner Staat könne stets zusätzliches Geld in eigener Währung erzeugen und brauche somit niemals zahlungsunfähig werden. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, das sei richtig. Im wirklichen Leben aber heißt die These der 'Nicht-Insolvabilität' eines Staats in eigener Währung, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Regierungen können die Grenzen solider Haushaltsführung und gemeinwohl­dien­licher Verschuldung sicherlich eine Zeit lang überschreiten. Nach und nach aber wird dies kontraproduktive Folgewirkungen mit sich bringen, etwa Inflation, Assetinflation und Krisenneigung, Währungsabwertung und komparativ steigende Kapitalmarktzinsen, sowie stagnierende Produktivität und abnehmende internationale Wettbewerbsfähigkeit. Zentralbank und Regierung können dann durch Maßnahmen sog. finanzieller Repression versuchen, Zinsen und Preise/Löhne so niedrig wie möglich zu halten. Irgendwann aber wird der Tag der Abrechnung kommen, ausgelöst durch unvorhergesehene Entwicklungen bzw Ereignisse.

Wenn solche Folgewirkungen als historisch bestätigte Regel gelten können, scheinen die Vereinigten Staaten heute die Ausnahme von der Regel zu sein. Seit vierzig Jahren fahren sie ein doppeltes Defizit (Staatshaushalt und Außenhandel) und sind dabei von einer Gläubiger- zu einer Schuldnernation geworden. Dennoch sind ihre innovativen Technologiekonzerne ebenso wie auch die amerikanischen Finanzkonzerne weltweit führend. Wechselkurs und Kaufkraft des US Dollar folgen zwar, wie zu erwarten, einem säkular abwärts gerichteten Pfad (auch die MMT befürwortet eine Soft-currency-Politik). Dennoch gilt der Dollar weiterhin als sicherer Hafen, besonders in Krisenzeiten, und beherrscht als unangefochtene internationale Leitwährung weiterhin die Weltwirtschaft.

Dementsprechend hat auch die MMT nicht nur mit Binnendefiziten, sondern auch mit Außendefiziten kein Problem. Schließlich sind fast alle amerikanischen Außenschulden in US Dollar denominiert und der größte Teil des internationalen Handels und grenzüberschreitender Produktionsketten werden über Dollarzahlungen abgewickelt. Wahrhaftig ein 'privilège exorbitant'. In dieser Hinsicht hat die MMT einen gewissen Grund, in Washington ebenso wie an Wall Street mit der Botschaft gefallen zu wollen, man brauche sich wegen sektoraler Ungleichgewichte, Defizite und Schulden keine Sorgen machen. Das Leben kann so einfach sein, man muss es nur durch die richtige Brille betrachten. Das funktioniert so lange bis es aufhört.

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